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Tempel und Feigenbaum


Der Dienstag der Karwoche gehört zu den dichtesten und symbolträchtigsten Tagen im Wirken Jesu. Nachdem er am Vortag den Tempel gereinigt hatte (Markus 11,15–17), zog er sich nicht zurück. Er blieb im Tempel, lehrte offen und stellte sich den Fragen der religiösen Führer (Matthäus 21,23–27). Diese versuchten, ihn mit politischen und theologischen Fangfragen zu diskreditieren – doch Jesu Antworten entlarvten ihre Motive und öffneten den Blick auf eine tiefere Wirklichkeit: Der wahre König war gekommen, um sein Reich aufzurichten – ein Reich des Bundes, der Priesterschaft und der ewigen Familie.


Der verdorrte Feigenbaum – ein lebendiges Gleichnis

Am Morgen dieses Tages sahen die Jünger den Feigenbaum, den Jesus am Vortag verflucht hatte, völlig verdorrt (Markus 11,20–21; Matthäus 21,18–20). Dieses Ereignis ist kein isoliertes Wunder, sondern ein bewusst gesetztes Zeichen. Es rahmt die Tempelreinigung ein und erklärt sie zugleich.

Der Feigenbaum steht hier nicht für ein politisches Israel, sondern für den Tempel seiner Zeit – prachtvoll von außen, aber ohne geistige Frucht. Jesus hatte den Tempel als „mein Haus“ bezeichnet (Matthäus 21,13) und gleichzeitig erklärt, dass er zu einer „Räuberhöhle“ geworden sei (Jeremia 7,11).

Der verdorrte Feigenbaum zeigt: Ein Tempel ohne Bund, ohne Beziehung, ohne geistige Frucht verliert seine Kraft.


Die Feige als Bild des Bundes

Die Symbolik der Feige ist erstaunlich tief. Schneidet man eine Feige auf, erinnert sie an einen Mutterschoß – voller Samen, voller Leben. Genau dieses Bild trägt der Abrahamische Bund: eine unzählbare Nachkommenschaft (Genesis 15,5; 1. Mose 22,17), eine ewige Familie, ein Reich Gottes, das durch Bund und Priesterschaft zusammengehalten wird.

Der Tempel Jesu sollte genau das ermöglichen: Menschen in eine ewige Familie einzubinden. Doch die religiösen Führer hatten den Kern des Bundes verloren. Sie hatten „Gebote von Menschen“ über die Macht des Bundes gestellt (Matthäus 15,7–9) und damit die eigentliche Fruchtbarkeit des Tempels zerstört.


Jesus stellt den ursprünglichen Bund wieder her

Jesus kam nicht nur, um eine Kirche zu organisieren. Er kam, um den ursprünglichen Bund wiederherzustellen – den Bund, der Adam und Eva gegeben wurde (Genesis 1,28), erneuert durch Abraham (Genesis 17), getragen durch die heilige Priesterschaft, die „die Macht hat, die Geheimnisse des Reiches zu offenbaren“ (vgl. Hebräer 7; Lehre und Bündnisse 84,19–22).

Dieser Bund ist kein Vertrag zwischen Gleichen. Er ist eine von Gott initiierte Beziehung, die uns in seine Familie einlädt. Der Tempel ist der Ort, an dem diese Beziehung sichtbar, spürbar und wirksam wird.


„Dieser Berg“ – ein prophetisches Wort

Als Jesus sagte, dass man mit Glauben „diesen Berg“ versetzen könne (Matthäus 21,21), stand er am Fuß des Tempelbergs. Seine Worte waren nicht geographisch gemeint. Er sprach über eine geistige Realität:

  • Der alte, korrupte Tempel würde vergehen (Matthäus 24,1–2).

  • Ein neuer Bund, ein neues Priestertum, ein neues Volk würde entstehen (Matthäus 21,43).

  • Ein Tempel, der wieder Frucht trägt.


Elija, Wurzeln und Zweige – die Wiederherstellung der Kraft

Die Prophezeiung, dass die Erde ohne die Wiederherstellung der Priesterschaft „weder Wurzel noch Zweig“ hätte (Maleachi 3,19–24 bzw. 4,1–6), greift genau diese Symbolik auf. Ein Baum ohne Wurzeln und Zweige ist ein verdorrter Feigenbaum.

Die Lösung ist dieselbe:


Priesterschaft (beschreibt die Gemeinschaft, die Beziehung, die Familienstruktur Gottes).

Bund (beschreibt die Bindung, die Gott mit uns eingeht.). Familie(ist das Ziel des Bundes).

Tempel(ist der Ort, an dem diese Beziehungen geschlossen und besiegelt werden).


Durch die Wiederherstellung der heiligen Priesterschaft wird der Baum wieder lebendig. Die Verheißungen an die Väter werden neu gepflanzt. Die Herzen der Kinder wenden sich ihren Wurzeln zu. Die Erde erhält wieder Sinn und Zweck.


Der wahre König im Tempel

Am Dienstag der Karwoche stand Jesus im Tempel und offenbarte, wer er wirklich war:


  • der Sohn Gottes (Matthäus 22,41–46)

  • der Herr des Tempels (Matthäus 12,6)

  • der Erfüller des Bundes (Galater 3,16)

  • der Bräutigam des großen Hochzeitsmahls (Matthäus 22,1–14)


Die religiösen Führer verstanden die Botschaft – und sie fürchteten sie (Matthäus 21,45–46). Doch Jesus zeigte seinen Jüngern, dass das wahre Reich Gottes nicht aus Steinen besteht, sondern aus Menschen, die durch Bund und Priesterschaft zu einer ewigen Familie verbunden sind.

Der verdorrte Feigenbaum ist kein Rätsel und keine Laune Jesu. Er ist ein machtvolles Symbol für einen Tempel ohne Frucht – und für den Messias, der gekommen ist, um den wahren Tempel wieder aufzubauen: den Bund, die Priesterschaft und die ewige Familie Gottes.

 
 
 

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